Grenzüberschreitende Praktika ermöglichen umfassende Kooperation zwischen Berufsschulen in Westböhmen und Realschulen in Ostbayern

Auch in einem vereinten Europa bilden Sprachkenntnisse den Grundstock für grenzüberschreitende Begegnungen. In der Oberpfalz wird schon viele Jahre das Wahlfach Tschechisch flächendeckend an allen Realschulen unterrichtet. Seit 2011 pflegt die Gregor-von-Scherr-Realschule eine überaus bereichernde Kooperation mit der Berufsschule SOU Taus (Domažlice).

Im Rahmen eines Pilotprojekts konnten mit Hilfe von „Tandem“, dem Büro für deutsch-tschechischen Jugendaustausch, der MB-Dienststelle Regensburg sowie durch Unterstützung der Industrie- und Handelskammern Regensburg und Pilsen wertvolle Kontakte geknüpft werden. Im Mittelpunkt der ersten Begegnungen stand neben Sprachanimation vor allem die Berufsorientierung durch Organisation mehrtägiger Praktika in der jeweiligen Nachbarregion. Weil in Tschechien die Berufsausbildung fast ausschließlich an einer Schule stattfindet, sind entsprechend komplett eingerichtete Werkstätten vorhanden. Für den nötigen Praxisbezug sorgt neben qualifiziertem Fachpersonal und moderner Ausstattung die Tatsache, dass Kundenaufträge professionell gefertigt und abgewickelt werden.

Die SOU Domažlice erwies sich für Neunburg vorm Wald neben der räumlichen Nähe auch durch ein interessantes Ausbildungsspektrum als besonderer Glücksfall. Neben Schreinerei und Metallbau gehören auch Gastronomie und Kosmetik zum umfangreichen Angebot. Dadurch ergeben sich für die „Gregorianer“ durchaus interessante Möglichkeiten zum Absolvieren mehrtägiger Praktika in Westböhmen. Im Gegenzug werden den tschechischen Lehrlingen wertvolle Einblicke in Oberpfälzer Betriebe geboten. In Zeiten von Fachkräftemangel bestehen durch diese Kontakte sogar Chancen zu einer späteren Beschäftigung. Aufgrund eines vergleichbaren Spektrums an Unternehmen sind auch die Strukturen der Arbeitsmärkte auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze beinahe identisch.

Zudem ergeben sich für Oberpfälzer Realschulabsolventen durchaus interessante Alternativen für eine berufliche Karriere. Dabei ist es längst nicht mehr so, dass Tschechien nur als „verlängerte Werkbank“ für einfache Tätigkeiten dient. Namhafte Unternehmen aus Deutschland benötigen vielmehr hoch qualifiziertes Personal für ihre tschechischen Zweigwerke.

Mittlerweile beschränkt sich die grenzüberschreitende Kooperation nicht mehr auf die gegenseitige Organisation von Berufspraktika. Zu einem festen Bestandteil des Schullebens sind die Teilnahmen von Abordnungen bei verschiedenen Veranstaltungen wie Schulfesten, Informationstagen, Weihnachtsfeiern oder Maßnahmen zur Berufsorientierung geworden. Zusammen werden Exkursionen durchgeführt, bei denen die Jugendlichen in international-gemischten Gruppen beispielsweise Paris und das europäische Parlament in Strassburg oder die europäische Kulturhauptstadt 2015 Pilsen erleben.

Schülerunternehmer, die im Rahmen des Projekts JUNIOR-Schüler als Manager eine Firma betreiben, nutzen die modernen Werkstätten an der SOU Domažlice für Workshops oder zur Gestaltung beziehungsweise Produktion ihrer Geschäftsidee. Besonders großer Wert wird auf eine gemeinsame Erarbeitung von Lerninhalten und Ergebnissen bei verschiedensten Projekten gelegt. Im Rahmen von Lehrerhospitationen werden nicht nur die Kontakte zwischen den Kollegen vertieft, sondern auch didaktische Vorgehensweisen und Kompetenz ausgetauscht.

Einen vorläufigen Höhepunkt stellte die Durchführung eines tschechisch-deutschen Tanzworkshops dar. Unter Anleitung des professionellen Tänzers, Tanzpädagogen und Choreographen Alan Brooks wurden die Jugendlichen beider Regionen mit Ausdruckformen des zeitgenössischen Tanzes vertraut gemacht und erarbeiteten ein ansprechendes Programm. Für große Beachtung sorgte die öffentliche Aufführung, bei der Sprachbarrieren gänzlich überwunden werden konnten. Im Vordergrund der ausdrucksvollen Umsetzung von Musik in Bewegung standen Freude und Spaß. Den Akteuren wurden aber auch Konzentration, Ausdauer und Mut bei ihrer Reise in die Welt des Tanztheaters abverlangt.

Obwohl tschechisch-deutsche Schulprojekte von Wirtschaft und Politik höchstes Lob erfahren, ist deren Realisierung allzu oft mit Hindernissen verbunden. Solange es keine speziell für Schulen zugeschnittenen Förderprogramme zur Finanzierung von Einzelmaßnahmen gibt, die mit einem angemessenen bürokratischen Aufwand zu beantragen sind, sehen sich betreuende Lehrkräfte, Schulleitungen und die Schulaufsicht mit einer beinahe unüberschaubaren Menge an Förderrichtlinien, EU-Regelungen und nicht unerheblichen (Rest-) Kosten bei der Realisierung konfrontiert. Auch wenn die wertvollen und nachhaltigen Erfahrungen für die anvertrauten Schüler jeden Aufwand rechtfertigen, wäre beispielsweise eine Entlastung durch umfassende Betreuung bei der Bewältigung von Antragsformularen durchaus wünschenswert. Die Kollegien der SOU Domažlice und Gregor-von-Scherr-Schule Neunburg vorm Wald haben noch zahlreiche Ideen, mit denen sie engagiert daran weiter arbeiten, dass auch in Zukunft aus Nachbarn gute Freunde werden.

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